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Auroville ReiseberichtAuroville gehört niemanden im besonderen. Auroville gehört der ganzen Menscheit. Ein Reisebericht von Hardy Fürch Der Duft von frischer Pizza liegt in der Luft. Es ist bald 19 Uhr, Silvano hat in seinen selbstgebauten Holzkohle-Pizzaofen die ersten frischen Pizzen hineingeschoben. Aus der Dunkelheit tauchen immer mehr Menschen auf und setzen sich an die beleuchteten Terrassentische . Man hört Französisch, Deutsch, Holländisch, Italienisch. Und Englisch, wenn die verschiedenen Sprachgruppen sich untereinander etwas zu erzählen haben. Das Sprachengewirr geht jedoch ganz schnell in "Aaahs" und "Mmmhs" unter, wenn die indischen Bediensteten die frisch gebackenen Pizzen an die Tische bringen - So durch und durch europäisch wie diese sich wöchentlich wiederholende Szene erscheint Auroville auch im Ganzen. Was nicht verwunderlich ist, denn dieser Ort entspringt der Vision einer Französin: Mira Alfassa, den meisten in Indien als "Die Mutter" bekannt. Und doch heißt diese Stadt nicht etwa "Miraville" sondern Auroville. Eine Stadt im Sinne des großen indischen Philosophen, Dichters und - vor allem - Yogins Sri Aurobindo. Auf den ersten Blick eine seltsame Verbindung aus europäischer Kultur und indischer Spiritualität. Auf den zweiten Blick jedoch macht gerade diese Verbindung das Neue, das Einmalige aus. Hier begegnen sich ganz real und praktisch zwei sehr unterschiedliche Kulturen. In der Mitte von Auroville, das in etwa einer Gesamtfläche von 10 mal 10 Kilometern entspricht, thront neben einem Amphitheater das Matrimandir: ein kugelförmiges Monument, eingebettet in einer den Subtropen abgerungenen Parklandschaft. Diese von zwölf hangarähnlichen Gebilden, "Blütenblättern", gehaltene Riesenkugel aus Stahlbeton hat etwas Fremdes, ja Fantastisches. Westlichen Augen erscheint sie manchmal wie ein UFO, das aus den kosmischen Weiten auf die indische Erde herabgekommen ist. Auch die im Matrimandir liegende kreisförmige, säulenumrandete Halle, ganz aus weißem Marmor und mit einer Glaskugel von 70 Zentimeter Durchmesser im Zentrum, hat etwas Außerirdisches. Dazu "Die Mutter": Das klingt für Nichteingeweihte erst einmal seltsam. Doch gerade im Matrimandir, aus dem Sanskrit übersetzt: "Bauwerk der universellen Mutter", nimmt die Vision der Bewußtseins-Pionierin Mira Alfassa die konkreteste, weil materiellste Form an. Was jedem Besucher im Äußeren als erstes ins Auge fällt, ist die gigantische ökologische Aufbauarbeit, die in den letzten Jahrzehnten von nur wenigen hundert Menschen geleistet wurde. Abertausende Bäume wurden per Handarbeit in das verkarstete, wüstenähnliche Land gepflanzt, Regenrückhaltesysteme ließen den Grundwasserspiegel wieder ansteigen, neue landwirtschaftliche Nutzflächen entstanden und, und, und... In diesem Sinne kann man mit Fug und Recht behaupten: Auroville erblüht. Über Spiritualität wird in Auroville nicht viel gesprochen. Das verwundert auf den ersten Blick dann doch. Auf die Frage, warum das so sei, erhält man in der Regel die Anwort, daß es sich bei dem von Mira Alfassa und Sri Aurobindo gelehrten (und gelebten) "Integralen Yoga" um einen in erster Linie individuellen Prozeß handele. Die Pfade zum Göttlichen sind also so verschieden wie die Menschen selbst. Diesen spirituellen Pfeiler des Integralen Yoga muß man kennen, um verstehen zu lernen, was in Auroville geschehen ist und noch heute geschieht. Keine Dogmen, keine Vorschriften, dafür Selbstverantwortung - und Freiheit. Eine Freiheit, die sich notwendigerweise im Spannungsfeld von Individuum und Kollektiv bewegen muß. Und doch eine Freiheit, die Platz läßt für den individuellen Ausdruck und für bunte Vielfalt. So etwas wie gewollte spirituelle Anarchie im besten Sinne. Der erste Schritt im Integralen Yoga ist die von Sri Aurobindo so genannte psychische (seelische) Transformation. Soll heißen: In Kontakt mit der Entität kommen, die Sri Aurobindo "seelisches" oder "psychisches Wesen" genannt hat. Dieses seelische Wesen überdauert - "angereichert" von Inkarnation zu Inkarnation im Sinne eines evolutionären Prozesses - das Leben des Individuums, um dann "hervorzutreten" und den Menschen in Gänze mit dem seelischen Licht zu durchfluten. Und dieses Licht - so Sri Aurobindo - ist in erster Linie Liebe. Eine Liebe, die selbst die tiefste emotionale Liebe übersteigt. Eine Liebe, die sich selbst genügt. Dieser erste Schritt muß von jedem getan werden, der dem Pfade des Integralen Yoga folgt. Sonst sei nichts (!) gewonnen, wie Sri Aurobindo wiederholt bezeugt. Es mag sein, daß, wenn dieses psychische Licht einmal heller scheint, die Atmosphäre in Auroville sich grundlegend verändern wird. Auroville wird ein Platz materieller und spiritueller Forschung sein, damit eine wirkliche menschliche Einheit lebendige Gestalt annehmen kann. In Auroville leben heute ca. 1.500 Menschen. Etwa ein Drittel ist indischer Herkunft, ein weiteres Drittel stellen Franzosen und Deutsche, ansonsten sind dort von Tibetern bis Brasilianern, von Russen bis Amerikanern die verschiedensten Völker der Erde zuhause, insgesamt über 40 Nationen. Damit ist Auroville eine multikulturelle Gesellschaft, die auf der Welt wohl ihresgleichen sucht. Und von ethnischen Konflikten ist hier nichts zu spüren. Im Gegenteil: Man erlebt das Anderssein als Vielfalt, als Bereicherung des eigenen Horizontes. Der Aurovillianer, die Aurovillianerin sieht sich schon als "Weltbürger". So ist es wirklich eine schöne Erfahrung, dieses bunte Völkergemisch in gegenseitiger Toleranz und Achtung zu erleben. In Anbetracht der blutigen ethnischen Konflikte, die derzeit die Welt erschüttern, eine nicht zu unterschätzende wertvolle Vorbildfunktion. Hier wird "Multikulti" wirklich gelebt, hier beginnt die Vision menschlicher Einheit tatsächlich lebendige Gestalt anzunehmen. Was nicht heißen soll, hier gäbe es keine Konflikte. Denn Auroville soll ja auch Lernfeld sein: Auch in Auroville gibt es - wie so häufig bei Institutionen und Bewegungen, die "in die Jahre" gekommen sind - ein Lager, das die Lehre möglichst rein bewahren möchte, und ein anderes Lager, das sich mehr den Zeitströmungen anzupassen bereit ist. In Auroville fällt auf, daß diese unterschiedlichen Lager recht oft mit überwiegend Deutschen einerseits und Franzosen andererseits besetzt sind. Nicht daß hier wieder so etwas wie die bekannten alten Ressentiments aufbrächen. Nein, hier spielt vielmehr die große Nähe Mira Alfassas zu Frankreich die ausschlaggebende Rolle. Viele ihrer engsten Vertrauten waren Franzosen und Französinnen. Daher wundert es nicht, daß die Gruppe der "Bewahrer" ihre Legitimation noch aus der persönlichen Verbindung zu "La Mère" ableiten und sich als die wahren Interpreten Mira Alfassas verstehen. Die Deutschen anderseits sind die stärkste europäische Gruppe, die außerhalb des französischen Zirkels über die Jahrzehnte herangewachsen ist und werden - falls die Entwicklung andauert - bald die Franzosen als zweitstärkste Nationalität verdrängen. Und so kommt es, daß ein apodiktisches "Mutter hat gesagt" und ein relativierendes "das muß man aus heutiger Sicht aber anders verstehen" sich gelegentlich diametral gegenüberstehen. Da meinen z.B. die einen, daß das aurovillianische Schulsystem mehr den indischen oder internationalen Standards angepaßt werden müßte. Worauf dann das andere Lager entgegnet, das hätte "La Mére" so nicht gewollt. Auch ist die wichtige Frage, wieviel der knappen Ressourcen in den Bau des Matrimandir oder besser in andere Projekte investiert werden sollen, nicht unumstritten. Ja, das leidliche Geld-Thema... Viele der menschlichen Probleme und Konflikte Aurovilles unterscheiden sich eigentlich nicht von denen an anderen Orten der Welt. Aber man hat sich bisher immer wieder zusammenraufen können. Was angesichts der komplexen Entscheidungsstrukturen und -mechanismen für Außenstehende fast wie ein Wunder erscheint: Dazu die Vorstellungen Mira Alfassas, wie Auroville regiert werden sollte: Das mutet wahrlich utopisch an. Wie heißt es dazu so treffend in der (deutschen) Selbstdarstellung Aurovilles: "Die Schwierigkeit, sich auf vier bis acht Aurovillianer mit dem höchsten Bewußtsein zu einigen, zeigt, daß diese Regierungsform noch nie ausprobiert wurde." Nun, wenn der Bewußtseinsgrad Maßstab sein soll, dann kann eine plebiszitäre Schablone eigentlich nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Aber auch hier soll Auroville ja ein Ort ständiger Lernbereitschaft und ständigen Fortschritts sein. Daher mag es sein, daß sich aus dem heutigen Geflecht konventioneller Entscheidungsebenen doch noch etwas völlig Neues im Sinne Mira Alfassas entwickeln wird. Glaubt man einigen Aurovillianern, dann blitzt die besagte intuitive Intelligenz schon hier und dort mal auf. Mira Alfassa war fest davon überzeugt, daß Auroville in jedem Fall gelingen wird - "trotz der Aurovillianer"! Wie das Kollektiv, so hat auch der Einzelne mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Am härtesten trifft es immer noch die ca. 35.000 Inder, die in den Dörfern auf dem Gebiet von Auroville leben. Armut und Alkoholismus unter den Männern sind weit verbreitet. Es kann daher niemanden wundern, daß es dadurch zu Konflikten mit den unvergleichlich besser gestellten Mitgliedern der Community kommt. Die Aurovillianer und Aurovillianerinnen machen wirklich sehr viel, um die Not der Dörfler im Sinne von "Hilfe zur Selbsthilfe" zu lindern. Aber die Ressourcen der Gemeinschaft sind natürlich begrenzt. Und die indigene Bevölkerung wächst weiter sehr schnell. Da taucht schon mal die Frage auf, ob Auroville - ursprünglich für 50.000 Menschen geplant. -, an dieser Stelle nicht schon an seine Grenzen stößt. Die Zeiten, in denen sich praktisch jeder Aurovillianer sein Domizil irgendwo in die Landschaft bauen konnte, sind schon vorbei. Man wird enger zusammenrücken müssen. Die ersten Wohnblocks sind bereits in Bau. Die Schwierigkeiten der Community-Mitglieder haben ihre Ursache meistens im gesundheitlichen und finanziellen Bereich. Hier findet sich grundsätzlich kein Unterschied zu anderen Orten und Gemeinschaften. Dieser Anspruch wird im Außen besonders in der unternehmerischen Freiheit des Einzelnen sichtbar: Keine Industrie- und Handelskammer, keine Gewerkschaft, keine DIN-Vorschrift oder Arbeitszeitverordnung hindern den Einzelen an der Verwirklichung unternehmerischer Projekte. Auroville ist damit ein Eldorado für Erfinder und Plagiateure, Spinner und findige Unternehmer. Denn Arbeitskräfte sind vergleichsweise sehr billig in Indien. Wohl dem Aurovillianer, der in einem blühendem Unternehmen beschäftigt ist und neben der maintenance noch Sachzuwendungen des Unternehmens wie beispielsweise ein Dienstmotorrad oder eine Auslandsreise im heißen Mai bekommen kann. Nicht so gut dran sind die in sozialen Bereichen wie Schulen arbeitenden Menschen, weil hier kein "Sponsor" außer der Community selbst einspringen kann. Das hat man aber erkannt und plant, diese Diskrepanz mit Sachleistungen etwas abzumildern. Auroville kann und will angesichts der Verflechtungen mit der Außenwelt kein Inseldasein führen. So wird der neoliberal organisierte und weltumspannend agierende Kapitalismus als unübersehbarer Ausdruck des aktuellen globalen Bewußtseins um diesem Ort keinen Bogen machen. Fraglich bleibt, wie sich die von Sri Aurobindo und Mira Alfassa formulierten spirituellen Ideale in solch einem Umfeld entwickeln werden. Vielleicht gelingt es, die zunehmend vernetzte Welt von Auroville aus zu infizieren. "The city the earth needs" steht ganz vorn auf der (englischsprachigen) Selbstdarstellung. Wir werden sehen. Die kursiv gedruckten Zitate stammen aus: - Auroville - Ein Traum nimmt Gestalt an (deutschsprachige Selbstdarstellungsbroschüre von 1996) Hardy Fürch, April ´99 ; website:integrales-bewusstsein.de |
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