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Sri Aurobindo über Kampf, Krieg und asurische Kräfte

Analog zu meinen zititerten Passagen Sri Aurobindos über Deutschland beleuchtet dieser Text intensiver das kämpferische Element in der Menschheit und gibt zugleich Möglichkeiten des Umgangs mit ihnen für einen lichtvollen Wandel. Ich erhielt jenen Aufsatz, der im April 2005 in einer schweizerischen Religionszeitschrift erscheint, initiativ von Herrn Christian Ruch aus Zürich zugeleitet. Freundlicherweise erteilte er mir zugleich die Freigabe.

Ich finde, die Zeilen reflektieren stark helle und dunkle Aspekte und sind gegebenenfalls hilfreich in der eigenen Art, diese Wendezeit zu gestalten. Gerade vor dem Hintergrund von Weltmächten, aktueller Politik und Kriegsgebahren. Im folgenden kannst Du den wissenschaftlich fundierten Aufsatz lesen, wobei mir bitte nachzusehen ist, daß die Quellenangaben in html-Format nicht übernommen wurden. 7. März 2005, Achim Kunst.

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„…es hatte seine Seele gesucht und nur seine Stärke entdeckt“ –

Sri Aurobindo über Deutschland, den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg

Der 60. Jahrestag der deutschen Kapitulation dürfte wieder eine wahre Flut von Publikationen hervorbringen, die sich mit dem Wesen Hitlers, des Nationalsozialismus und den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges befassen – dies aber wie gewohnt fast ausschliesslich aus einer deutschen oder europäischen Perspektive. Im Folgenden soll deshalb einmal ein anderer Blickwinkel eingenommen werden: jener des indischen Philosophen Sri Aurobindo Ghose (1872-1950) .

Nachdem sich der einstige Aktivist des indischen Befreiungskampfes 1910 vor der Bespitzelung und Verfolgung durch die englischen Kolonialbehörden in das französisch beherrschte Pondicherry an der indischen Ostküste zurückgezogen und seine politische Betätigung vollständig aufgegeben hatte, um sich fortan nur noch dem Yoga zu widmen, schien es selbst seinen Anhängern so, als habe er das Interesse an Politik gänzlich verloren. Aurobindos umfangreiche Korrespondenz zeigt jedoch, dass er weiterhin ein äusserst scharfsinniger und luzider Beobachter des Weltgeschehens war, auch und gerade der Vorgänge im seit 1933 nationalsozialistischen Deutschland.

Aurobindo musste dem Nationalsozialismus vor allem aus zwei Gründen fast zwangsläufig ablehnend gegenüberstehen: Zum einen erachtete er die Unterordnung des Einzelnen unter ein Kollektiv, eine Gemeinschaft oder den Staat als schädlich für die individuelle spirituelle Entwicklung: „Der Einzelne schuldet weder dem Staat, der eine Maschine ist, höchste Treue, noch der Gemeinschaft, die nur ein Teil des Lebens und nicht das ganze Leben ist. Seine Lehnspflicht muss der Wahrheit gehören, dem Selbst, dem Geiste, dem Göttlichen in sich und in allen: Sein wirkliches Daseinsziel darf nicht darin bestehen, sich der Masse unterzuordnen oder sich in ihr zu verlieren, sondern diese Wahrheit des Seins in sich selbst zu finden und auszudrücken und der Gemeinschaft, der Menschheit zu helfen, ihre eigene Wahrheit und Fülle des Seins zu finden.“ Zum andern konnte die rassistische, anti-semitische Politik der Nationalsozialisten schon deshalb keine Zustimmung Aurobindos finden, weil dies einem Verrat an seiner spirituellen Gefährtin, der als „Mutter“ verehrten französischen Jüdin Mira Richard, gleichgekommen wäre.

Sri Aurobindo lehnte den Nationalsozialismus schon relativ früh ab. 1936, also zu einem Zeitpunkt, an dem sich noch so mancher Beobachter gefährlichen Illusionen hingab, was den „Führer“ betraf, schrieb er über „Hitler und seine Haupthelfer Göring und Goebbels“, sie seien „sicherlich vitale Wesen, oder besessen von vitalen Wesen, deswegen kann man keinen gesunden Menschenverstand von ihnen erwarten. Der Kaiser [gemeint ist wohl Wilhelm II., C.R.] war – obgleich ganz und gar satanisch – eine sehr viel menschlichere Person. Diese Leute sind überhaupt kaum menschlich. Das neunzehnte Jahrhundert in Europa war überwiegend eine menschliche Ära – jetzt scheint die vitale Welt dort herabzukommen.“ Das Attribut „vital“ steht in Aurobindos Philosophie für jene, der „Natur des Lebens“ entsprechenden Antriebskräfte im Menschen, die sich grob vereinfacht gesagt als Triebe und Emotionen äussern.

Die Formulierung „besessen von vitalen Wesen“ weist bereits darauf hin, dass Aurobindo die Exponenten des NS-Systems und insbesondere Hitler für Wesen hielt, von denen Dämonen – in der stark vom Hinduismus geprägten Sprache Aurobindos „asurische Kräfte“ – Besitz ergriffen hätten. Er habe erkannt, „dass hinter Hitler und dem Nazismus dunkle asurische Kräfte standen und ihr Erfolg die Versklavung der Menschheit an die Tyrannei des Bösen bedeuten würde und einen Rückschlag für den Lauf der Evolution, besonders der spirituellen Evolution der Menschheit: Es würde auch zur Versklavung nicht nur Europas sondern Asiens führen und innerhalb Asiens Indiens, zu einer Unterjochung, die viel schrecklicher wäre als jede, die dieses Land je erlitten hatte, zum Zunichtemachen all der Arbeit, die für seine Befreiung geleistet worden war“ – nota bene nicht zuletzt durch Aurobindo selbst, ehe er sich nach Pondicherry zurückgezogen hatte.

Ausgehend von diesem Befund sah es Aurobindo als sinnlos an, auf dem Wege der Diplomatie oder des Pazifismus Hitler besänftigen zu wollen – „der einzige Weg, Hitlers Herz aufzutauen, besteht darin, es wegzubomben“ , so seine rigorose Schlussfolgerung. Gandhis Auffassung, man könne auch dem Nationalsozialismus mit gewaltlosem Widerstand entgegentreten, war für Aurobindo völlig inakzeptabel, und fast scheint es so, als habe er für sie nur Verachtung und Sarkasmus übrig gehabt: „In Polen kam man Gandhi in der Gewaltlosigkeit zuvor. Die Polen (die Juden?) gebrauchten Gewaltlosigkeit gegen die Nazis, und weißt du, mit welchem Resultat? Die Polin, die Ravindras [Schüler Aurobindos] Freundin ist, schrieb Gandhi die Berichte über die deutsche Unterdrückung gewaltloser Gruppen. (…) Einige Schulmädchen wurden in die Kasernen gebracht und von den Soldaten geschändet, bis sie alle starben. (…) Das war das Resultat von Gewaltlosigkeit gegenüber den Nazis. Ich hoffe, Gandhi hat nicht vor, all dies in Indien geschehen zu lassen. Vielleicht wird er sagen, die Polen hätten in ihrem Herzen keine Liebe für die Deutschen.“ Eine Annäherung zwischen Aurobindo und Gandhi war schon 1920 gescheitert, denn Aurobindo sah in der Gewalt nicht nur eine politische, sondern auch eine spirituelle Notwendigkeit: „Krieg und Zerstörung sind nicht nur ein universelles Prinzip unseres Lebens hier in seinen rein materiellen Aspekten, sondern ebenso eines unserer mentalen und moralischen Existenz. Es ist selbstverständlich, dass der Mensch in seinem tatsächlichen intellektuellen, gesellschaftlichen, politischen und moralischen Leben keinen wirklichen Schritt vorwärts machen kann ohne einen Kampf, eine Schlacht zwischen dem, was existiert und lebt, und dem, was zu existieren und zu leben sucht, und zwischen alldem, was hinter beiden steht. Es ist unmöglich, wenigstens so, wie die Menschen und Dinge jetzt sind, Fortschritte zu machen, zu wachsen, sich zu erfüllen, und gleichzeitig wirklich und gänzlich jenes Prinzip der Harmlosigkeit zu beachten, welches als höchste und beste Verhaltensmassregel vor uns hingestellt wird. Werden wir allein Seelenkraft verwenden und niemals durch Krieg oder durch selbst einen defensiven Gebrauch von physischer Gewalt zerstören? Schön, doch bis Seelenkraft wirksam wird, zertrampelt, bricht, erschlägt, brandschatzt, verdirbt die asurische Kraft in Menschen und Nationen so, wie wir es heute sehen können, aber dann eben mit aller Gelassenheit und ungehindert, und man hat vielleicht mit seiner Abstinenz ebensoviel Zerstörung von Leben verursacht, wie andere mit ihrem Rückgriff auf Gewalt“, so Aurobindo. Peter Michel hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass Aurobindo in seiner Einstellung auch an die traditionelle indische Gesellschaftsordnung angeknüpft habe, der zufolge „der Rolle des Kriegers nach dem Priester die zweithöchste Stelle im Staat zugewiesen wird“.

Zeitgleich mit Grossbritannien erklärte Indien dem Deutschen Reich nach dem Überfall auf Polen den Krieg, und im September 1940 ergriff Aurobindo – sicherlich nicht zuletzt unter dem Eindruck der schnellen Niederlage Frankreichs – öffentlich Partei für die Alliierten und damit auch für jenes Grossbritannien, das er einige Jahrzehnte zuvor noch entschlossen bekämpft hatte. Für viele Inder war dies geradezu ein Schock, doch Aurobindo liess keinen Zweifel daran, dass er die britische Herrschaft über Indien nach wie vor ablehne. Umso willkommener war ihm daher der Vorschlag des britischen Politikers Sir Stafford Cripps, der 1942 angesichts des Vorrückens japanischer Streitkräfte auf die indisch-burmesische Grenze Indien das Angebot unterbreitete, die Kolonie nach Kriegsende in die Unabhängigkeit zu entlassen, wenn Indien dafür die Alliierten militärisch unterstütze. Aurobindo appellierte an den indischen Nationalkongress, dieses Angebot anzunehmen, konnte sich aber nicht durchsetzen und wandte sich deshalb wieder der spirituellen Praxis zu, um auch sie zu einer Waffe der Abwehr gegen die Aggression der Achsenmächte werden zu lassen. Er habe „die Genugtuung“ gehabt, „zu sehen, wie [dank seiner spirituellen Praxis] die Woge des japanischen Sieges, die bis zu jenem Zeitpunkt alles vor sich hinwegfegte, sofort umschlug in eine Woge rascher, vernichtender und schließlich gewaltiger und überwältigender Niederlage.“

Aurobindo beschäftigte sich auch mit den Ursachen für den Aufstieg Hitlers. Schon während des Ersten Weltkriegs hatte er mit geradezu prophetischem Weitblick erkannt, dass ein Sieg der Entente über Deutschland nicht ausreichen würde, um die deutsche Aggression zu bändigen. „Es kann leicht zu einer neuen Verkörperung dieses Geistes [des aggressiven und militaristischen Deutschlands] kommen (…). Solange die alten Götter am Leben sind, nützt das Brechen oder das Niederschlagen des Körpers, den sie beleben, nicht viel, denn sie wissen wohl zu transmigieren. Deutschland unterwarf den napoleonischen Geist 1813 in Frankreich und brach 1870 die Überreste der französischen Vorherrschaft in Europa. Dasselbe Deutschland wurde zur Inkarnation dessen, was es unterworfen hatte. Das Phänomen kann sich leicht in einem furchtbareren Ausmaß wiederholen.“ Zweifellos bewunderte Aurobindo Deutschlands geistige Leistungen, seine grossen Philosophen wie Kant, Hegel, Fichte und Nietzsche, und seine grossen Musiker wie Beethoven und Wagner, doch habe das deutsche Volk die Grösse seiner geistigen Potenz missbraucht, da es sich von seinem vitalen, triebgesteuerten Wesen habe leiten lassen. Deutschland „hatte sein vitales Ich für sein Wesen gehalten; es hatte seine Seele gesucht und nur seine Stärke entdeckt. Wie [der Dämon] Asura hatte Deutschland zu sich selbst gesagt: 'Ich bin mein Körper, mein Leben, mein Verstand, mein Temperament', und hat sich mit titanischer Gewalt daran gebunden. Es hatte vor allem gesagt: 'Ich bin mein Leben und mein Leib.' Einen größeren Fehler als diesen kann es weder für Mensch noch Nation geben. Das Selbst des Menschen und der Nation ist mehr und göttlicher als jene. Es ist größer als seine Werkzeuge und kann nicht in einer körperlichen, vitalen, durch Verstand und Temperament bedingten Form eingeengt werden. Eine solche Begrenzung kann – selbst wenn dieses falsche Gefüge in dem waffenstarrenden sozialen Gebilde eines riesigen kollektiven menschlichen Ungetüms verkörpert wird – das Wachstum der inneren Wirklichkeit nur zum Ersticken, Verfall oder Erlöschen bringen, das alles Ungeformte und nicht Angepasste überfällt.“

Um diese „titanische Gewalt“ ein für allemal zu bändigen, sei es, erklärte Aurobindo nach Kriegsende, nicht angebracht, „den Deutschen auf den Rücken zu klopfen, sie zu umarmen und zu trösten. Wenn man ihnen erlaubt, ohne Schwierigkeiten wieder auf die Beine zu kommen und ohne dass sie Wiedergutmachung leisten für den Schrecken der Finsternis und des Leids, die sie über die Welt brachten, werden sie sich wieder erheben, um nur dasselbe noch einmal zu tun – es sei denn, jemand kommt ihnen zuvor. Die einzige Hilfe, die wir jetzt Deutschland bieten können, heißt Schweigen.“

Aurobindo war sich stets bewusst, dass nicht alle Inder und nicht einmal alle eigenen Anhänger seine entschiedene Haltung Hitler gegenüber teilten. Noch im September 1943 hatte er Anlass zu klagen, dass es Leute gebe – „wie ich höre, sind auch spirituelle Personen darunter“ –, die der Meinung seien, „Hitler sei der neue Avatar und seine Religion (Gott sei mit uns!) die wahre Religion, deren Verbreitung in der ganzen Welt wir zu unterstützen hätten[.] Oder unter jenen, die Hitler als grossen und guten Menschen betrachten, einen Heiligen, einen Asketen und alles, was wert und gottähnlich ist“. Es wäre zu wünschen, dass in der heutigen neureligiösen und esoterischen Szene, in der in vielen Fällen zumindest eine Verharmlosung Hitlers und der nationalsozialistischen Verbrechen zu beobachten ist, ähnlich klar gedacht würde…

Christian Ruch, Zürich